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04. August 2016

Sommerinterview

Wie läuft das Geschäft mit selbstverlegten Büchern wirklich?

Hand aufs Herz, fragen wir den"vonjournalisten.de"-Betreiber

Wie läuft aktuell das Geschäft mit selbstverlegten Bücher - und was ist wirklich für Publizisten "drin"? Wir führten ein Interview mit Pierre Vroomen, Geschäftsführer der auch in Deutschland aktiven niederländischen Firma Mijnbestseller, der auch Anbieter des Self-Publishing-Dienstes für DJV-Mitglieder ist, vonjournalisten.de

DJV: Herr Vroomen, Sie sind Geschäftsführer einer niederländischen Selbstverlagsplattform mit zahlreichen Ablegern in anderen Ländern. Sie haben auch ein Angebot für Journalisten, die Mitglied im DJV sind, unter vonjournalisten.de. Wie läuft aus Ihrer Sicht das Geschäft für Selbstverleger allgemein, nicht nur auf vonjournalisten.de, bisher im Jahr 2016, und was macht und plant Ihre Firma in den nächsten Monaten?

Pierre Vroomen: Der Trend zu Self-Publishing ist zweifelsohne unaufhaltsam. In einigen Ländern beträgt der Anteil schon mehr als 50% der Neuveröffentlichungen. In Deutschland liegen wir davon mittlerweile auch nicht mehr weit entfernt. Fakt ist, dass der klassische Verlagsweg nun mal unter hohem Kostendruck steht und Verlagshäuser werden immer weniger Risiken auf sich nehmen. Alleine deswegen ist Self-Publishing für viele Autoren die einzige Alternative, wenn man sein Geld nicht gerade bei den Kostenzuschussverlagen verbrennen möchte. Self-Publishing bietet aus meiner Sicht aber mehr. Für viele Publikationen ist es die attraktivere und logischere Veröffentlichungsvariante. Einerseits gibt es keine flexiblere und freiere Publikationsmöglichkeit. Andererseits sind die Autorenmargen häufig besser und von den Kosten brauchen wir gar nicht zu reden. Das Geschäft entwickelt sich also langsam und stetig weiter und wird gleichzeitig immer professioneller. 2016 ist für uns als Unternehmen auch das Jahr von „Mobile Publishing“. Seit einigen Wochen bieten wir eine neue App für Smartphones, die sich „Sweek“ nennt. Damit kann man gratis und mobil Geschichten lesen und schreiben. Ein Art eReader und Veröffentlichungsportal in einem also. Die App zielt vor allem auf Kurzgeschichten ab, aber es gibt auch mehr als 20.000 Buchklassiker, die man mit der App gratis lesen kann. Wir sehen Sweek als Vorstufe von Self-Publishing, aber auch als zusätzliches Marketingtool für Autoren, womit Leseproben oder einzelne Kapitel gratis angeboten werden können. Die App gibt es derzeit für Android. In einigen Wochen auch für iOS-Geräte.

DJV: Gibt es Belege dafür, dass das Geschäft im Selbstverlag und vor allem auch im digitalen Selbstverlag per eBook zunimmt? Sowohl international als auch speziell in Deutschland?

Pierre Vroomen: Selbstverlag bedeutete für viele Autoren noch immer automatisch das Verlegen von eBooks, da es beim technischen Vertriebsablauf überhaupt keinen Unterschied macht, ob man z.B. über vonjournalisten.de veröffentlicht oder den klassischen Verlagsweg wählt. Nur die Marge wäre über vonjournalisten.de ein Vielfaches im Vergleich. Dennoch möchte ich die Position für eBooks in Deutschland und auch international ungern überbewerten. Obwohl der eBook-Anteil für die nächsten Jahre noch steigen wird, ist das Format eBook aus meiner Sicht langfristig eher ein Übergangsmedium, welches in Zukunft durch mobile Applikationen, wie z.B. Sweek oder mobile Browserformate, ersetzen wird. In den USA und UK sieht man übrigens schon jetzt eine gewisse Sättigung, dort steigt die Nachfrage vor allem im Printsegment. Das deckt sich auch gut mit unseren Erwartungen, denn gerade bei Print sehen wir das beste Zukunftspotenzial. Das mag widersprüchlich erscheinen bei den heftigen Auflageneinbrüche, wie es zum Beispiel die Tageszeitungen derzeit erleben, aber wir reden hier von Print on Demand-Büchern, ab Bestellgröße 1. Der Print on Demand-Anteil steigt seit Jahren und ich glaube wir stehen erst am Anfang.

DJV: Können Sie uns ein oder zwei bemerkenswerte Fälle des Selbstverlags im internationalen Rahmen nennen, die Sie in den letzten Monaten bemerken konnten?

Pierre Vroomen: Ja, interessant ist sicherlich unser Pilotprojekt mit einem bekannten niederländischen Autor. Für ein spezifisches Projekt hat er eine Kombination aus klassischem Verlegen und Selbstverlegen gewählt. Daraus ergeben sich für ihm interessante Vorteile. Für den Handel wurde eine klassische Auflage von 15.000 Stück gedruckt. Gleichzeitig nutzt der Autor für den Eigenvertrieb unsere Print on Demand-Lösung. Damit konnte er das Auflagenrisiko begrenzen und erhält gleichzeitig mehr Marge bei Verkäufen, die über seine eigene Webseite, Facebook, Twitter, LinkedIn, etc. platziert werden. Die Zwischenhandelsmargen für den Buchverkauf über den Handel werden damit umgangen.  

DJV: Was glauben Sie, ist das Geheimnis dieser erfolgreichen Publikationen gewesen?

Pierre Vroomen: Für den Autor war es eine rein wirtschaftliche Entscheidung: weniger Risiko und mehr Ertragsmöglichkeiten. Für den Erfolg muss man aber selbst das Nötige leisten, um sein Netzwerk und seine Zielgruppen zu aktivieren. Darin liegt das wahre Geheimnis, denke ich. Eine Zauberformel gibt es nicht. Wie im normalen Leben auch, kostet Erfolg eine Menge Fleißarbeit; so auch beim Publizieren. Wir von unserer Seite können unsere Autoren nur mit cleveren Lösungen versuchen zu entlasten.

DJV: Selbstverlegte Romane können vielleicht tatsächlich bei Massen Anklang finden. Können auch Sachbücher, die von Journalisten verfasst wurden, überhaupt eine Chance auf Käufer haben?

Pierre Vroomen: Im Gegenteil. Selbstverlegte Sachbücher haben im Durchschnitt bessere Chancen und zwar aus mehreren Gründen. Natürlich gibt es Beispiele von sehr erfolgreichen Selfpublishern in der Belletristik. Ein guter Roman wird aber leider nur selten ein Bestseller. Um sich zu unterscheiden bei der Masse an selbstverlegten Romantiteln braucht man nämlich nicht nur viel Kreativität, sondern auch eine gute Portion Glück und eine gute Vermarktungsstrategie. Gleichzeitig spielt bei Romanen auch der Preisdruck eine entscheidende Rolle. Die Verkaufspreise sind niedriger, was einen direkten Effekt hat auf die Margen für die Autoren. Ganz anders sieht es diesbezüglich im Fach-und Sachbuchbereich aus. Hier kennen die Autoren häufig Ihre Zielgruppen und für gezieltes Marketing lassen sich eventuelle Leser, durch die Möglichkeiten im Netz, einfacher identifizieren. Man kann als Autor mehr selbst unternehmen. Auch sind Fach-und Sachbuchautoren weniger abhängig von den großen Online-Shops, wie Amazon oder dem Buchhandel, da der Direktvertrieb eine wichtigere Rolle spielt. Außerdem bezwecken Fach-und Sachbücher häufig auch gar keinen Bestsellereffekt, sondern sind Teil des gesamten Portfolios einer Person und bekunden eine gewisse thematische oder persönliche Relevanz.

DJV: Der Selbstverleger ist ja so eine Art Bio-Bauer oder Kleinbetrieb. Ist das im heutigen Megaformat-Kapitalismus von Google, Facebook & Co nicht eine Illusion, mit seinem eigenen Garten zum Endkunden zu kommen?

Pierre Vroomen: Ja, das ist ein hübscher Vergleich: der Selbstverleger als Bio-Bauer. Mit dem Unterschied, dass dieser Bio-Bauer sich die Megaformate, wie Facebook, Google, etc. einfach zu Nutze machen kann, um entsprechend sein eigenes Produkt direkt an Endkunden zu verkaufen. Dabei brauchen unsere Autoren nicht mal zu verzichten auf die gängigen Vertriebskanäle, wie Buchhandel oder die relevanten Online-Shops. Wir glauben allerdings, dass in Zukunft der Direktvertrieb an Bedeutung zunehmen wird. Entscheidend wird in Zukunft sein wie man sein Buch selbst präsentiert, nicht ob man gefunden wird bei Amazon. Die Standardformate, die die Online-Shops bieten, reichen da nicht aus. Wir sehen es auch als unsere Aufgabe, unseren Autoren noch mehr praktische Formate zu bieten, um den eigenen Content besser zu vermarkten.

DJV: Sie bieten für DJV-Mitglieder die Plattform vonjournalisten.de an. Dort können Journalisten ihre Bücher im Selbstverlag produzieren und hochladen. Was haben Sie dort in den letzten Monaten geändert und gibt es weitere Überlegungen zum Ausbau der Plattform?

Pierre Vroomen: In den letzten Monaten ist sehr viel passiert. Die Plattform wurde komplett neu überarbeitet. Das Interface-Design wurde neu angepasst und damit die Übersichtlichkeit verbessert. Das Design ist nicht nur anspruchsvoller, sondern auch intuitiver. Dabei erhalten die Autoren jetzt bereits ab 3 Exemplare interessante Mengenrabatte bei Eigenbestellungen und die Verkaufsinformationen wurden verbessert. Auch die Vertriebskanalauswahl hat sich verbessert. Für eBooks bieten wir sehr interessante Konditionen mit bester Reichweite. So können zum Beispiel Amazon-Autoren auch ihre eBooks mit vonjournalisten.de bei Tolino, Kobo oder über ihren eigen Weblink anbieten. Die Weiterentwicklung ist ein ständiger Prozess. In den nächsten 15 Monaten werden wir die heutigen Schritte noch weiter vereinfachen und vor allem die
Buchvermarktungsmöglichkeiten die Autoren anwenden können verbessern. Zum Beispiel eine richtig schöne Verkaufs-Buchwebseite, die Autoren personalisieren können und anschließend verwenden um eigene Bücher attraktiver zu verkaufen als z.B. nur ein Link zu Amazon.


DJV: Viele Kollegen finden die Idee des Selbstverlags gut, wollen damit Geld verdienen, beschäftigen sich auch mit Ihrem Service. Doch auf der letzten Meile, kurz vor der Veröffentlichung eines Buches, scheint viele Kollegen der Mut zu verlassen. Woran liegt es, dass eine ganze Reihe von Personen den Sprung zum Publizieren nicht wagt? Welchen Rat würden Sie den Kollegen zur Ermutigung geben?

Pierre Vroomen: Ich glaube, es fehlt den meisten Kollegen einfach etwas Zeit oder Vertrauen. Entweder ist man selbst noch nicht überzeugt von den Inhalten oder man schraubt ewig an die letzten 10% rum. Man sollte bei Fragen auch nicht zögern, unseren Support zu kontaktieren. Wichtig zu erkennen ist auch, dass es das Risiko auf einen Patzer eigentlich gar nicht gibt. Man kann immer nachbessern (sogar nach der Veröffentlichung) und man kann im Vorfeld so viele Testexemplare machen und bestellen, wie man möchte. Bei der Veröffentlichung von Druckbüchern sind die Testexemplare sowieso die besten Motivatoren. Sie kosten nicht viel, und man hat direkt etwas in der Hand. Darüber freut man sich dann einfach. Hilfreich kann manchmal auch ein wenig professionelle Hilfe bei der Manuskripterstellung sein. Vor allem wenn man nicht voran kommt und man sich nicht ganz sicher ist. Ich kann nur bestätigen, dass die meisten Autoren mächtig stolz sind, wenn alles geschafft ist.   

DJV: Viele Dienstleister im Digitalen haben in den letzten Jahren nach kurzer Blütezeit ihren Service eingestellt. Selbst Google stellt ohne jede Finanzprobleme immer wieder Dienstleistungsangebote ein. Da stellt sich mancher die Frage, wie die Zukunftsoptionen Ihres Betriebs aussieht. Insofern: Hand aufs Herz – wie ist die ganz interne Stimmung in Ihrer Firma, steht die Gesamtbilanz weiter auf Expansion in diesem Geschäftsfeld?

Pierre Vroomen: Wir sind ein langfristig ausgelegtes Unternehmen mit einer gesunden Finanzierung. Das wirkt sich auch positiv auf die Gesamtbilanz und die Stimmung im Team aus. Die weitere Internationalisierung kommt allmählich gut voran. In den Benelux-Ländern sind wir Marktführer im Self-Publishing. In Deutschland arbeiten wir mit immer mehr Verlagshäusern zusammen. Gleichzeitig haben wir mit dem lokalen Buchhandel vor einem Jahr eine interessante Publikumsalternative gestartet. Frankreich läuft überraschend positiv, wogegen der englische Markt sich bislang etwas schwieriger als gedacht gestaltet. Polen, Italien und Spanien stehen bis Ende des Jahres bzw. 2017 auf dem Wunschzettel.

Einen Grund um vonjournalisten.de einzustellen gibt es nicht, auch wenn die Seite zu den kleineren Portalen gehört. Ursprünglich komme ich aus der Automobilindustrie und vielleicht könnte man unsere plattformbasierte IT-Architektur ein wenig damit vergleichen: bei den Neu-Entwicklungen profitieren nämlich alle unsere Portale automatisch, inkl. vonjournalisten.de. Das ist auch gut so, denn die Qualität der publizierten Werke bei vonjournalisten.de zeigt, dass Journalisten das Schreiben nicht verlernt haben. Alleine deshalb hat vonjournalisten.de seine eigene Daseinsberechtigung.  


DJV: Herr Vroomen, auch Sie machen sicherlich mal im Sommer Pause. Wenn Sie dann am Strand liegen oder in einem Café entspannen, lesen Sie dann nicht lieber doch auf Papier und Stoff aus renommierten Großverlagen? Oder wollen Sie uns erzählen, dass Sie den Kindle neben sich liegen haben und darin irgendwelche eBooks aus Amazon oder anderen Quellen studieren?

Pierre Vroomen: Haha, gute Frage! Ja sicher, ich bin definitiv ein Freund von Printmedien, wobei es meist nur Zeitungen und Magazine sind. Bücher kaufe ich zu selten, denn ich brauche tatsächlich ein ganzes Jahr um die drei oder vier, die ich zu Weihnachten geschenkt bekomme, alle zu lesen. Mir fehlt der Strandurlaub vielleicht. Gelegentlich lese ich auch mal digitale Titel aus unseren Portalen und erstelle regelmäßig einzelne gedruckte Bücher für den eigenen Bedarf. Im letzten Jahr habe ich sogar eine erste Geschichte spaßeshalber veröffentlicht. Dann wundert man sich danach, wer das tatsächlich alles kauft...


Auf YouTube sind unter youtube.com/djvfreie mehrere Videos abrufbar, in denen die Funktionsweise des Dienstes vonjournalisten.de vorgeführt wird, auch von Pierre Vroomen persönlich.



Die Fragen stellte Michael Hirschler, hir@djv.de