Aktuelles

04. April 2019

Wie Jasmin Off bei den Lübecker Nachrichten die digitale Zukunft angehen will

„Wir müssen uns noch mehr Inhalte bezahlen lassen“

Jasmin Off (32) ist seit einem halben Jahr stellvertretende Chefredakteurin der Lübecker Nachrichten. Sie soll vor allem die Digitalangebote des Hauses weiter entwickeln. In der NORDSPITZE spricht die gebürtige Bayerin über ihre Ziele, die beruflichen Chancen für Frauen dank der Digitalisierung und ihr Mettbrötchen-Problem im hohen Norden.

"Eine gute Geschichte ist immer eine gute Geschichte, im Digitalen wie in der gedruckten Zeitung" - Jasmin Off im Gespräch mit Arnold Petersen (Foto:Ulf Kersten Neelsen)

 

Frau Off, welches Bild haben Sie als Süddeutsche nach einem halben Jahr von den Norddeutschen?

Ein sehr positives. Einige Freunde und Bekannte haben Klischees hervorgeholt, als sie von meinem Wechsel hörten: Norddeutsche sind verschlossen, wortkarg, kurz angebunden. Für mich hat sich das bisher überhaupt nicht bewahrheitet. Vielleicht hilft mir, dass ich schnell spreche. Ich kann viele Worte in kurzer Zeit loswerden und so bei kurzen Gesprächen, die Norddeutsche ja angeblich mögen, gut mithalten. Ich fühle mich bereits gut integriert. Nur an eines konnte ich mich noch nicht gewöhnen – das Mettbrötchen. Das würde ich manchmal gern gegen eine bayerische Butterbrezel tauschen.

 

Und Ihr erster Eindruck von den Zeitungen im Norden?

So groß sind die Unterschiede nicht. Wer eine Regionalzeitung abonniert, den interessiert im Norden oder Süden gleichermaßen, was vor der Haustür passiert. Aber die norddeutschen Medien trauen sich ein bisschen mehr – Überschriften mit einem Ausrufezeichen, eine freche Optik auf Seite eins, ein frischeres Layout. Vielleicht liegt es an der norddeutschen Direktheit. Im Süden ist der Auftritt braver und bodenständiger.

 

Sie sind als Mitglied der Chefredaktion eher Ausnahme denn Regel – jung und eine Frau. Haben die Verlage besonderen Nachholbedarf, wenn es um Frauen in Top-Positionen geht?

Da haben sicherlich alle Branchen Nachholbedarf. Aber gerade durch den Digitaljournalismus holt unsere Branche enorm auf. Neue Redaktionen entstehen, Teams werden neu strukturiert, es gibt viele neue Führungspositionen für digitalaffine Männer wie Frauen.

 

Die Digitalisierung ist also gerade für Frauen eine Chance?

Ja, und das ebenso außerhalb der klassischen Verlagsbranche. Immer öfter entwickeln Frauen in digitalen Kanälen Geschäftsmodelle  – als erfolgreiche Bloggerinnen, YouTuberinnen, Autorinnen. Sie sind erfolgreiche Netzwerkerinnen und nutzen ihre Kanäle strategisch klug.

 

Die Realität sieht aber so aus, dass Führungspositionen in Zeitungsredaktionen meist in der Hand von Männern mittleren Alters sind und damit der männliche Blick vorherrscht. Braucht es mehr Diversität?

Diversität tut Redaktionen wie Lesern gut. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir uns noch mehr öffnen, dass wir in den Redaktionen mehr Journalisten haben, die nicht Anglistik und Politikwissenschaften studiert haben, sondern vielleicht Physik. Oder die nicht so geradlinig einen Bildungsweg durchlaufen haben. Und selbstverständlich bereichert es, wenn jemand Erfahrungen mit verschiedenen Kulturkreisen mitbringt. Ich warne aber davor, dass dann Frauen über Frauenthemen schreiben oder Muslime über den Islam. Nichts hat mich bei Redaktionskonferenzen so geärgert, als wenn bei Frauenthemen immer alle Augen auf die einzige Frau im Raum wanderten. Ich will als Frau auch über Männerthemen schreiben dürfen. Andersherum soll es genauso sein.

 

Sie sollen dem Online-Auftritt der Lübecker Nachrichten neue Impulse geben. Wohin soll die Reise gehen?

Immer weiter, die Voraussetzungen sind hervorragend. Wir wissen so viel über unsere Leser wie nie zuvor: Woher sie kommen, welche Themen sie interessieren, von wo aus sie auf andere Themen navigieren. Wir können unseren Digitalauftritt täglich messen. Und wir haben die regionalen Inhalte, die Leser locken. Wir sind die Plattform für Lübeck und Umgebung. Unser klares Ziel ist es, noch mehr Menschen im Norden mit unseren Inhalten zu erreichen.

 

Was sind die Rezepte für ein erfolgreiches Digitalangebot?

Qualität und Verlässlichkeit sind wichtige Stichworte. Wir merken, dass sich Leser in dieser komplexen Welt wieder stärker für professionelle Nachrichten interessieren, dass sie Orientierung und Erklärung suchen. Zeitungen wird das wieder verstärkt  zugetraut. Eine gute Geschichte ist immer eine gute Geschichte, im Digitalen wie in der gedruckten Zeitung. Die Tools sind dabei zweitrangig. Wir machen ja kein Storytelling um des Storytellings willen. Dafür wird keiner bezahlen. Nur wenn es für eine Geschichte die beste Darstellungsform ist, überzeugt es. Ein Beispiel: Um zu zeigen, wie es um die Brückensanierung in Lübeck steht, sind wir mit einer Drohne über die Stadt geflogen und haben das in einem aufwendigen Storytelling verarbeitet.

 

Die LN gehören zum Madsack-Konzern, der für seine Zeitungen eine zentrale Online-Redaktion in Hannover installiert hat. Welcher Spielraum bleibt überhaupt hier vor Ort?

Ein großer – und der ist durch den RND Digital Hub in Hannover noch größer geworden. Wir haben die Sicherheit, dass unsere digitalen Kanäle – Homepage, Facebook, Twitter, Instagram – rund um die Uhr exzellent gesteuert werden. Wir können uns mit ganzer Kraft darauf konzentrieren, interessante lokale Geschichten zu recherchieren. Der Hub hilft uns, sie dann bestmöglich an den Mann und an die Frau zu bringen. Das ist enorm wichtig. Denn im Netz kommt die Nachricht nicht mehr automatisch an den Leser wie bei der zugestellten Zeitung. Wir müssen schauen, dass der Leser zu uns kommt.

 

Aber ist das nicht eine potenzielle Fehlerquelle, wenn diejenigen, die eine Nachricht teasern, keine lokale Anbindung haben?

Das Risiko sehe ich nicht. Wir sind eng vernetzt und pflegen einen ständigen  Austausch. Außerdem sind auch Kollegen von den einzelnen Standorten zum RND Digital Hub nach Hannover gegangen, die regionales Know-how mitbringen.

 

Wer die LN abonniert, muss 26,90 Euro für das E-Paper- oder 38,40 Euro für das Print-Abo zahlen und bekommt nur eine Regionalausgabe. Online lassen sich Berichte aus allen Lokalredaktionen einen Tag früher lesen und das umsonst. Welchen Sinn ergibt das?

Bezahlmodelle im Digitalen sind branchenweit ein großes Thema. Wir haben bereits kostenpflichtige Elemente. Aber klar ist: Wir müssen uns noch mehr Inhalte, von denen wir glauben, dass sie den Leser besonders interessieren, auch bezahlen lassen. Ganz wichtig ist, dass ein Abo-Modell schnell, einfach und übersichtlich funktioniert. Zur Informationsvermittlung kommt die Unterhaltung, sie hat schon immer ein gutes Nachrichtenangebot ausgemacht. Wenn wir beides gut zusammenbringen, guten Journalismus und echten Mehrwert, ist der Leser bereit, dafür auch zu bezahlen. Da bin ich guter Dinge.

 

Wie wird die geplante Paywall aussehen?

Wir prüfen verschiedene Modelle. Unser Anliegen ist nicht der Klick auf einen einzelnen Text. Wir wollen loyale Leser, die ein Komplettangebot erhalten. Mit Sicherheit wird es aber auch weiterhin freie Inhalte geben, schon um unserer Aufgabe als Informationsmedium gerecht zu werden: Polizeinachrichten, Unwetterwarnungen, Vermisstenmeldungen etwa. Aber exklusive regionale Inhalte, unsere größten und besten Geschichten des Tages, damit wollen wir den Leser überzeugen.

 

Was müssen Journalistinnen und Journalisten leisten, um erfolgreichen Digitaljournalismus zu machen?

Sie müssen sich selber im Netz bewegen, es mitleben, die Plattformen verstehen. Sie müssen ihre Leser kennen und kennenlernen wollen, mit ihnen in Kontakt sein. Sie müssen die Produktionszyklen anpassen, denn im Netz gibt es kein abgeschlossenes Produkt mehr. Wir müssen gemeinsam viel stärker überlegen, wann wir welche Inhalte auf welchen Kanälen ausspielen.

 

Ist das alles im Rahmen der geltenden Arbeitszeit leistbar?

Man muss klug planen, Abläufe verändern. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass ließe sich einfach obendrauf packen. Das ist auch nicht der Workflow der Zukunft. Es ist eine Führungsaufgabe, gemeinsam zu überlegen, wie Dinge in den Redaktionen anders gestaltet werden können, wo neue Schwerpunkte entstehen und was eventuell auch wegfallen kann. Wir sind da auf einem guten Weg.

 

                  Das Interview führte Arnold Petersen.

 

 

Aus Schwaben in den Norden

Jasmin Off (32) ist in Augsburg geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium der Politikwissenschaft, Amerikanischen Kulturgeschichte und Neuerer deutscher Literatur in München und Washington begann sie 2011 ein Volontariat bei sueddeutsche.de. Es folgten weitere Stationen bei der Süddeutschen Zeitung, bis sie 2015 zur Schwäbischen Zeitung mit Sitz in Ravensburg wechselte. Dort übernahm sie 2016 die Leitung der Online-Redaktion. Am 15. Oktober 2018 kam Off als stellvertretende Chefredakteurin zu den Lübecker Nachrichten. Chefredakteur Gerald Goetsch verspricht sich von der „dynamischen und sehr gut ausgebildeten Kollegin“ neue Impulse für die Redaktion. Dabei geht es ihm insbesondere um die digitale Neuausrichtung, machte Goetsch bei der Vorstellung von Off deutlich. Seine beiden bisherigen Stellvertreter, Lars Fetköter und Nick Vogler, übernahmen die Newsdesk-Leitung.