Nordspitze

13. Oktober 2016

Roboter-Journalismus

Wenn Computer Texte liefern

Im Juni dieses Jahres gelang es mit Watson, einer neuen kognitiven Computer-Generation von IBM, nicht nur Börse-, Sport- und Wetternachrichten zu produzieren, während die Redakteure Däumchen drehten, sondern erstmalig ein ganzes Magazin (The Drum) zu gestalten. Das markiert eine neue Dimension des Machbaren im Bereich Journalismus. Was, wenn Roboter zukünftig Texte schreiben - was macht dies im und mit dem Journalismus, mit uns Journalisten? Sieht so unsere schöne, neue Arbeitswelt aus - sozusagen Journalismus 4.0? Oder sind das Fragen in einer Gespensterdebatte? Im Rahmen dieser Titelgeschichte haben wir auch bei Redaktionen in Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein nachgefragt, inwieweit Roboter bei ihnen zum Einsatz kommen.

Computer liefern Texte - von "Schreiben" kann nicht die Rede sein. Denn Schreiben ist eine elementare Kulturtechnik. Die Vorteile, wenn Computer durch Algorithmen Texte generieren, liegen aber klar auf der Hand: Computer werden nie müde (außer der Strom fällt aus), haben keine mentalen Schreibblockaden und sind nie krank - vorausgesetzt, sie haben kein Software-Problem und werden regelmäßig "up-geloaded", also "gefüttert". Dann können sie den Rezipienten alles liefern, was die in ihrer "News-Blase" wissen wollen. Doch wer schon mal eine elektronische Sprachübersetzung bemüht hat, weiß: Die Probleme liegen im Detail - noch. Bisher können Sprachprogramme menschlichen Übersetzern nicht das Wasser reichen. Das könnte schon bald anders werden: Die neuen Computer-Generationen des Cognitive Computing erreichen neue Dimensionen des Machbaren.

 

BBC, New York Times und The Drum

So sorgte im Juni 2016 das erste des von IBM-Supercomputer Watson komplett gestaltete Marketing-Magazin The Drum für Furore. Eine klare Vervollkommnung des Experimentellen: Bis dahin hatten Computer mit Algorithmen "nur" einzelne Artikel geliefert, so bei Los Angeles Times und New York Times, bei AP (2014 und immer noch) und Le Monde (2015). Jetzt liefert die Hardware mit der entsprechenden Software auch ganze Magazine.

 

In Sachen Software setzt man in den USA auf Quakebot und Wordsmith. In der Europäischen Union ist AX Semantics verbreitet und hierzulande führend. An der Hochschule Macromedia in Hamburg und Berlin sind in Kooperation mit AX Semantics Seminare geplant, sagt Prof. Dr. Thomas Hestermann. In Lehrwerkstätten sollen künftige Medienmacher Computer anlernen, beispielsweise kurze Berichte mit Wahlprognosen zur Bundestagswahl 2017 zu produzieren.

 

Gerade sind neue Investoren bei AX eingestiegen: Neben der PDV Inter-Media Venture (dahinter verbirgt sich die Mediengruppe Pressedruck), Müller Medien (Partner der Deutsche Telekom Medien) auch die NWZ-Digital. Sie gehört zur NWZ-Mediengruppe, die in Niedersachsen für ihre Sparmaßnahmen und den Stellenabbau bekannt ist. Ulrich Gathmann, Geschäftsführer Vorstand bei der NWZ-Mediengruppe, antwortete uns im Namen des seit 1. September neuen Chefredakteurs Lars Reckermann, als einziger Vertreter der angefragten Medienhäuser detailliert auf unsere Fragen.

 

Von der Datenbank zum Medienhaus

Das Hamburger Start-Up ContentFleet generiert nicht nur mehr als 15.000 Artikel pro Monat für Axel Springer, G & J, Coca Cola und andere. Aus einem Software- und Datenbank-Haus entwickelte sich ein Medienhaus, das u.a. auch eigene Titel publiziert (TurnOn, Curved) und das aufgrund der selbst entwickelten Technik "Themen wittern" möchte, bevor irgendein anderer Konkurrent sie auf dem Schirm hat.

 

Wer hat's geschrieben?

Auch für Experten sind computergenerierte Texte nicht einfach erkennbar. Längst mutieren ehemalige Software- und Datenbankfirmen zu Medienhäusern. Also, wer hat's geschrieben? Ist das für die Rezipienten erkennbar? Die New York Times schrieb bereits im März 2015, eine "schockierende Menge" an Texten werde nicht durch Menschen, sondern von Computern produziert. In einem Quiz präsentiert sie acht Texte - und tatsächlich lassen sich menschliche und maschinelle Passagen kaum noch unterscheiden (http://nyti.ms/1whoRm0).

Die bisher aussagekräftigsten Erkenntnisse zum Thema liefern Studienergebnisse von Dr. Andreas Graefe, Professor an der Hochschule Macromedia am Campus München. Er forscht u.a. in Kooperation mit der Columbia University in New York. Jüngst ging Graefe in München mit einer Online-Befragung von etwa 1.000 Testpersonen der Frage nach: Wer hat's geschrieben? Den Befragten wurden jeweils ein Sport- und ein Finanz-Bericht vorgelegt, je einer vom Computer und von einem Menschen geschrieben. Fazit: Die automatisiert erstellten Texte punkteten bezüglich Glaubwürdigkeit und wahrgenommener Expertise gegenüber den Texten der menschlichen Autoren. Lediglich die Lesbarkeit der Kurznachrichten wurde bei den menschlichen Autoren besser eingestuft.

Persönliches Fazit der Autorin: Wie gut, dass bei den meisten Online-Aktivitäten - wie bei der Bestellung des Newsletter-Abos zum Beispiel bei der Hamburg Media School - vor der Anmeldung zunächst die Menschlichkeit zu bestätigen ist und gegengecheckt wird, dass der Abonnent kein Computer ist. Mir haben auch das Recherchieren und das Schreiben der Artikel in dieser NORDSPITZE, darunter das Porträt über Karl Spurzem (s. Nordspitze 4/16, S. 13), Spaß gemacht. Unsere Emotionalität und besondere Sichtweise der Dinge ist heutzutage im Storytelling gefragt - also bei allen Themen, bei denen es nicht um bloße Daten und Fakten geht, sondern um eine Einordnung und Wertung. Apropos: Auch auf Twitter freue ich mich über jede autorenverfasste Zeile eines Kollegen, auch wenn es nur um ein Fußballergebnis geht. Auch bei Twitter sind Computer nicht zugelassen - noch nicht.

Marina Friedt, Nordspitze 4/16

 

 

 

Roboterjournalismus in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein

Wir haben Redaktionen im Bereich der NORDSPITZE um Auskunft zum Thema Roboterjournalismus gebeten. Hier einige Reaktionen, unterteilt in "Pro" und "Contra". Eine ausführliche Antwort kam von der Nordwest-Zeitung in Oldenburg, die auch als einziges Medium bereits mit computerbasierten Texten arbeitet.

 

CONTRA:

Gespensterdebatte

Bislang nutzen wir keinen Roboterjournalismus für unsere Produkte. Wir sehen darin auch keinen zukunfts- weisenden Aspekt, sieht man einmal von technischen Verlängerungen der von Menschen geschriebenen Texte ab. Im Gegenteil: Derzeit sagen uns doch alle Reaktionen aus dem Lesermarkt, dass eine persönliche, also menschengemachte Ansprache wesentlich zielführender ist, digital wie analog. Das gilt logischerweise nicht für Statistiken und Tabellen, aber jedenfalls für die lokale und regionale Berichterstattung. Sie ist immer noch auf das Recherchegespräch, das Netzwerk und die individuelle Einordnung eines Geschehens angewiesen. Das kann und wird kein Roboter ersetzen. Insofern ist das eigentlich eine Gespensterdebatte.

Stefan Hans Kläsener, Chefredakteur shz

 

Kein Thema

Roboter-Journalismus ist bei den LN überhaupt kein Thema. Wir haben hier keine Pläne, Menschen durch Maschinen zu ersetzen.

Gerald Goetsch, Chefredakteur Lübecker Nachrichten

 

Machen keinen Roboterjournalismus

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir an der Befragung nicht teilnehmen möchten, da wir keinen "Roboterjournalismus" machen.

Astrid Welk, Chefredaktion Die Welt

 

Ressource Mensch

Die Kieler Nachrichten nutzen bisher keine computergenerierten Texte. Grundsätzlich schauen auch wir uns jede technische Möglichkeit an, um Zeit zu gewinnen für die Kernaufgabe der Redaktion: die Recherche relevanter regionaler Inhalte. Vorstellbar wäre die Nutzung computergenerierter Texte prinzipiell bei zahlenbasierten Informationen, zum Beispiel Sportmeldungen, Börsen- oder Wetter-News. Unsere wichtigste Ressource ist der Mensch mit seiner journalistischen Fähigkeit, Dinge zu bewerten, Entwicklungen zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen, auch Emotionen zu transportieren. Roboter haben keine Gefühle und schon gar kein Gefühl dafür, welche Geschichte für unsere Leser wichtig ist oder wichtig werden könnte. Dazu brauchen wir gut ausgebildete, gut vernetzte und immer stärker auch digital denkende Reporter. Wenn Computer-Technik helfen kann, sich Routinetätigkeiten zu ersparen, dann gucken wir uns das ohne Scheuklappen an. Auch Sporttabellen brauchen im Jahr 2016 schließlich nicht mehr per Hand getippt werden. Christian Longardt, Chefredakteur Kieler Nachrichten

 

PRO

Relevanter für speziellere Zielgruppen werden

Wo sehen Sie die Chancen/die Risiken von computergenerierten Texten?

Mit computergenerierten Texten können wir Inhalte liefern, deren Er- stellung durch Redakteure gemessen an der Größe der Zielgruppe zu aufwendig wäre, also beispielsweise Spielberichte unterer Fußballligen, individualisierte Wetterberichte je nach sublokaler Region, oder allergiespezifische Pollenflugvorhersagen, aktuelle Staumeldungen, oder bei Wahlen die textliche Darstellung von Ergebnissen auf Wahlkreisebene heruntergebrochen. Computergenerierte Texte können allgemein dort zur Anwendung kommen, wo es zahlen- oder datenbasierte Ausgangsinformationen gibt, aus denen der Algorithmus dann Texte erzeugen kann.

Nutzen Sie in Ihrer Redaktion computergenerierte Texte und wenn ja in welchem Ressort/Bereich?

Derzeit experimentieren wir mit Artikeln für unsere spezialisierten Online-Portale wie die Event-Datenbank, ein Branchenbuch und Wetterberichte. Derzeit bereiten wir die automatisierte Erstellung von Fußball-Spielberichten für unser lokales Fußballportal vor.

Wo sehen Sie die Vorteile? Was kosten diese Texte z.B. im Vergleich zu einem Redakteur oder freien Journalisten?

Die Vorteile bestehen darin, dass wir mit computergenerierten Texten Informationsbedürfnisse wesentlich speziellerer Zielgruppen erfüllen und damit für diese Zielgruppen relevanter werden können. Computergenerierte Texte ersetzen keinen Journalisten und wir haben auch nicht vor, damit redaktionelle Ressourcen zu sparen. Sondern wir können effizient Inhalte generieren, die wir mit den bisherigen Möglichkeiten einfach nicht in der gewünschten Breite erstellen können. Die Kosten für solche Texte hängen von den Verabredungen ab, die Sie mit den Anbietern solcher Algorithmen schließen.

Wo haben Sie schon negative Erfahrungen mit solchen technisch produzierten Texten gemacht? Merken Rezipienten den Unterschied bzw. macht sich dies in Reaktionen bemerkbar?

Bisher nicht. Man muss aber auch wissen, dass der Algorithmus "trainiert" werden muss, damit er vernünftige Texte in angemessener Vielseitigkeit erzeugt. Je intensiver man hier vorarbeitet, desto besser werden die Artikel.

In welchen Bereichen werden Ihrer Meinung nach zukünftig keine Texte mehr von Journalisten geliefert, und wo sind Journalisten langfristig einzigartig/nicht austauschbar?

In Bereichen, in denen es um reine Wiedergabe von zahlen- oder datenbasierten Informationen mit geringen Interpretationsnotwendigkeiten geht, können computergenerierte Texte die Redaktionen von Routine- und Chronistenpflichten entlasten. Aber die Software wird nie die Kernkompetenzen von Journalisten ersetzen können: Themenfindung, Recherche, Gewichtung, Bewertung, das Erzählen der Geschichte, die Verwurzelung in der Gesellschaft.

Wie sieht es mit dem Einsatz von anderen digitalen Techniken wie 360-Grad-Filmen oder VR-Animationen aus?

Videos sind schon heute für Regionalzeitungen schwer monetarisierbar, weil die erreichbaren Klickzahlen nicht im vernünftigen Verhältnis zum Herstellungsaufwand stehen. 360°-Videos sind noch einmal aufwendiger in der Herstellung - man kann das mal machen, das Thema hat aber keine strategische Relevanz. VR ist noch ganz am Anfang in der Entwicklung; hier entsteht zukünftig sicher ein Feld, in dem wir uns dann auch bewegen müssen, aber noch nicht heute.

Ulrich Gathmann, Geschäftsführer Vorstand NWZ-Mediengruppe, antwortete in Vertretung der seit 1. September neu besetzten Chefredaktion

 

Das Interview führte Marina Friedt